Thomas W. H. Koppermann präsentiert:


 

Allgemeines über Drehorgeln

 

(zuletzt geändert: 14.02.2013)

 


Wer kennt sie denn überhaupt noch, die Drehorgel?

Drehorgelmann - ©twhk

  • Vielleicht ältere Mitbürger, die in der Nachkriegszeit erlebt haben,
        wie an so mancher Ecke ein Drehorgelspieler versuchte, sich ein paar Groschen zu verdienen?

  • Vielleicht Berliner und andere, die die Tradition des Drehorgelspielens besonders intensiv pflegen?

  • Vielleicht Besucher von Jahrmärkten und Volksfesten, die dort ab und zu noch
        einen Drehorgelspieler oder gar eine alte Jahrmarktorgel antreffen?


  •  
    Die Zeiten ändern sich.

     

    Die moderne Musik, die Elektronik und die Computertechnik haben die alten mechanischen Musikinstrumente
    wie die Drehorgel inzwischen weitgehend verdrängt.
    Dabei haben diese Instrumente mit ihrer "Lochsteuerung" bereits "digital" gearbeitet, als uns dieser Begriff
    noch gar nicht geläufig war ("digital" bedeutet ja: es gibt nur 2 Zustände; im Computer sind das "0" und "1" -
    bei der Stiftwalzen- bzw. Lochband-Drehorgel heißt das: Stift oder kein Stift bzw. Loch oder kein Loch).

     

    Im heutigen Musik-"Sequencer" sind die Computer-Chips die modernen Nachfahren der damaligen Stiftwalzen und Lochbänder. Die "mechanischen Musikinstrumente", egal wie sie gesteuert wurden, waren also auch schon "Sequencer",
    denn sie konnten ein einmal aufgezeichnetes Musikstück bei jedem Abspielen absolut gleich wiedergeben.
     

    Der bisher gebräuchliche Begriff "mechanischen Musikinstrumente" war allerdings nicht ganz passend,
    denn "mechanisch" sind ja auch einige andere Instrumente.
    Heute hat sich daher der viel treffendere Begriff "datengesteuerte Musikinstrumente" eingebürgert.

     

    Umgangssprachlich (besonders in Berlin) wird die Drehorgel oft auch als "Leierkasten" bezeichnet,
    was dem Instrument leider einen negativen Beigeschmack gibt. Kein Drehorgelspieler will, dass seine Musik "leiert",
    denn wenn Musik "leiert", dann beleidigt sie unser Gehör, und wer will das schon?

    Tatsache ist:
    Eine richtig gespielte, intakte Drehorgel leiert nicht!
    Und das oft reich verzierte Gehäuse einer Drehorgel
    ist von einem schnöden "Kasten" weit entfernt.

     

    Deshalb solltest Du das wertvolle Instrument eines Drehorgelspielers nicht "einfach so" als Leierkasten bezeichnen
    (es sei denn, er selbst tut es), denn Du könntest seinen stolzen Besitzer kränken!

    Schließlich hat er für das schmucke "Musikmöbel" wahrscheinlich weit mehr ausgegeben, als Du vermutest
    (oder es ist gar ein wertvolles, altes Erbstück).

     

    Sollte seine Darbietung allerdings tatsächlich unerträglich sein, solltest Du es ihm schon sagen, denn damit
    verhinderst Du vielleicht, dass durch einen Einzelnen ein ganzer Künstlerstand in den Verruf gerät.

     

    (Es soll Drehorgelspieler geben, die glauben, sie könnten ein Leben lang mit dem Instrument auftreten und
    "schnelles Geld machen", ohne sich jemals um Pflege, Restauration oder Stimmung des Instruments gekümmert zu haben,
    oder solche, die in einer Fußgängerzone von morgens bis abends die selben drei Musikstücke rauf und runter spielen und
    damit ihren wehrlosen Mitmenschen auf die Nerven gehen. - Das ist nicht im Sinne dieses schönen, alten Instruments!)

     

    Drehorgelmusik ist heute etwas besonderes, weil man sie nicht mehr so häufig hört.
    Wenn sie gut gemacht ist, wird man sie genießen.
    Es gibt vorzügliche Drehorgeln, deren klangliche Vielfalt ein Hochgenuss ist!
    (Und man wundert sich, wie "aus nur so wenigen Löchern" soviel Musik kommen kann!)

     

     
     


    Womit wir schon bei den verschiedenartigen Instrumenten wären,
    die wir nach bestimmten Kriterien unterscheiden können:

    Eine Drehorgel mir Percussions-Instrumenten

    bestiftete Drehorgelwalze

    bestiftete Drehorgelwalze

    Spulenkasten mit Lochband
    Ein Blick in den "Spulenkasten" der Drehorgel:
    zwei Notenrollen und ein eingelegtes Notenlochband
    (in der Mitte die Andruckrolle über dem Lochsteg)

    Lochkarton

     


    Und wie wird nun ein Ton erzeugt?

    transparente Drehorgel

    Ich versuche es am Beispiel der populären Lochbandsteuerung zu erläutern, weil das auch meiner Drehorgel entspricht:

    Wenn der Orgeldreher die Handkurbel bzw. das Handrad dreht, wird diese Drehbewegung in eine Auf-und-ab-Bewegung umgewandelt:
    Über eine gekröpfte Welle und eine daran befestigte Pleuelstange wird ein (doppelter) Blasebalg (man nennt ihn "Schöpfer") bewegt. Gleichzeitig treibt ein Riemen die Aufwickelspule für das Lochband an.

    Der Blasebalg ("Doppelschöpfer") ist so konstruiert, dass beim Spielen immer ein gewisser Luftvorrat gehalten wird, damit die Töne stets gleichmäßig erklingen können und nicht etwa im Pumprhythmus pulsieren.

    Einblick von vorn in die geöffnete Orgel

    Vom Balg führt ein dicker Schlauch (im obigen Bild links) zur "Windlade" (vorne im Bild), die für jeden Ton ein mechanisches Ventil enthält und auf der die Pfeifen montiert sind (hier das Doppelpfeifen-System von DELEIKA®).
    Von den Ventilen in der Windlade führt für jeden Ton ein dünner Schlauch zum gelochten Spursteg (Lochsteg / "Spieltisch") der sich in Kontakt mit dem Notenlochband befindet.

    Lochsteg

    Das Lochband wird durch den Kurbelantrieb kontinuierlich (mit ca. 72 mm je Sekunde oder 4,32 m je Minute) über den Spieltisch (Lochsteg) gezogen, in dem sich nebeneinader genau soviele Löcher befinden, wie die Orgel Töne hat (also z. B. 20). Dabei wird das Papier durch eine Andruckrolle beschwert, die hier im Bild über jeder Tonspur eine ausgesparte Rille hat, damit die Luft die Löcher ungehindert passieren kann, die andererseits aber dafür sorgt, dass das Papier an Stellen ohne Loch die Spursteg-Löcher gut verschließt (manche Hersteller verwenden auch glatte Andruckrollen ohne Rillen).

     

    Jetzt kommt das, was ich immer gerne als "Anfänge der Digitaltechnik" bezeichne, weil es nur die Zustände "0" und "1" gibt:

    Im Grundzustand, wenn das Papier kein Loch aufweist, sind alle Löcher des Steges verdeckt, alle Ventile geschlossen, kein Ton ertönt. Sobald im Papier ein Loch erscheint, kann etwas Luft aus dem Ventil entweichen, das über den dünnen Schlauch mit dem entsprechenden Loch im Spursteg verbunden ist. Dadurch öffnet das Ventil den Haupt-Luftstrom vom Balg zur entsprechenden Pfeife und der Ton ertönt.

    Die Luft, die bei diesem System* durch die Löcher ausströmt, ist also nicht die selbe Luft, die die Pfeifen ertönen lässt.

    Ansonsten gilt aber immer:
    kurzes Loch im Notenband = kurzer Ton,
    langes Loch oder viele kurze Löcher ganz dicht aneinander = langer Ton.


    Die größte technische Herausforderung für eine Drehorgel mit rein mechanisch arbeitenden Ventilen (also jede Drehorgel ohne Elektronik) sind viele kurz aufeinander folgende gleiche Einzeltöne ("Triller") und viele gleichzeitig erklingende Töne (z. B. große, vielstimmige Akkorde), weil die Ventile evtl. nicht schnell genug ansprechen und wieder abfallen (repetieren) bzw. weil der "Wind" knapp werden kann. Hinzu kommt, dass tiefe Töne aufgrund der Größe der Pfeifen sehr viel Wind benötigen.

    Für weitergehende Fragen (technische Details, Abbildungen, Bauanleitungen usw.) empfehle ich meine zahlreichen Links.


    Wer ist bei der Drehorgel eigentlich der Musiker?

    Nicht unbedingt derjenige, der die Kurbel dreht!
    Denn: Die wahre Kunst ist es, Musik für Drehorgeln zu arrangieren, und das beherrschen nur ganz wenige Musiker.
    Ich würde den Drehorgelspieler daher eher als Unterhalter bezeichnen, denn er muss dafür sorgen, dass er die richtigen Musikstücke zum richtigen Moment spielt, vielleicht auch selbst etwas dazu vorträgt und sein Publikum unterhält.

     

    Musik-Arrangements für die Drehorgel

     

    Wenn ich wieder vom Beispiel meiner 20-tönigen Orgel ausgehe, offenbart sich bereits das Problem:
    Diese nur 20 Töne müssen ausreichen, um ein ganzes Musikstück mitsamt Bassstimme, Begleitung und Melodie erkennbar
    (!) wiederzugeben.
    Der Arrangeur muss also die normale Notation so verändern und umschreiben, dass zwar nicht mehr als die 20 Töne benötigt werden, das Ohr aber glaubt, mehr zu hören und nicht merkt, dass es "getäuscht" wird.

    Wie schwierig dies ist, kann man erahnen, wenn man die bei der Drehorgel vorhandenen Töne auf eine Tastatur überträgt, die nicht vorhandenen Töne (im folgenden Bild schwarz bzw. dunkelgrau) ausspart und nun versucht, trotzdem ein komplettes Musikstück zu spielen!

    20-stufige Drehorgel-Tonskala - Copyright: twhk (www.Orgeldreher.de)
    (die roten Zahlen entsprechen den 20 Orgelpfeifen)

    Wie man sieht, weist die Drehorgel-Tonskala etliche Lücken auf. Die im Bild blau eingefärbten Tasten entsprechen dem Bassteil, der grüne Bereich wird üblicherweise für die Begleitstimme verwendet, der gelbe Bereich bleibt für die Melodie (wobei die Grenzen zwischen diesen Bereichen in der tatsächlichen Nutzung durchaus fließend sind).

     
    Ein guter Arrangeur versteht es, fehlende Töne an anderer Stelle "auszuleihen" oder durch Triller und ähnliche Verzierungen zu überspielen oder auch mal durch andere, passende Töne zu ersetzen, ohne dass dies auffällt oder stört.

    Da ich diese Kunst (und auch die Notation) nicht beherrsche und keine Möglichkeit habe, Notenrollen selber zu stanzen, bleibt mir nur der Kauf der fertigen Produkte (ich verwende keine Raubkopien, sondern nur Originale von renommierten Herstellern! - siehe auch meine Links).

     

    Kann man daraus folgern, dass nun JEDER eine Drehorgel spielen kann?

     

    Ja und nein!
    Natürlich kann jeder eine Drehorgel spielen, der eine Kurbel drehen kann (wenn er in der Lage ist, das richtige Tempo zu erkennen und zu halten - zahlreiche Kinder haben es an meiner Orgel bewiesen!).


    Dennoch halte ich einige Voraussetzungen für unabdingbar, denn was nutzt uns ein simpler "Kurbelbediener",
    der nicht weiß, was er warum und wie spielt!?

     

    Ich meine: Wer Drehorgel spielen will, sollte ...


     

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